Die Kleinunternehmerregelung nach § 19 UStG befreit Unternehmer mit geringem Umsatz von der Pflicht, Umsatzsteuer auf ihre Leistungen zu erheben und an das Finanzamt abzuführen. Im Gegenzug dürfen sie keine Vorsteuer aus Eingangsrechnungen abziehen. Diese Vereinfachungsregelung richtet sich vor allem an Gründer, Freiberufler und Nebenerwerbstätige. Die seit 2025 geltende EU-weite Reform hat die Bedingungen und internationalen Möglichkeiten wesentlich verändert.
Voraussetzungen
Umsatzgrenzen
Die Kleinunternehmerregelung kann in Anspruch genommen werden, wenn:
Beide Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein. Der maßgebliche Gesamtumsatz umfasst alle steuerbaren Umsätze im Sinne des UStG, einschließlich steuerfreier Umsätze.
Gründungsjahr
Im Gründungsjahr, in dem kein vorangegangenes Kalenderjahr mit Umsätzen vorliegt, wird die 22.000-Euro-Grenze auf den voraussichtlichen Jahresumsatz hochgerechnet. Wer beispielsweise am 1. Juli 2026 gründet und bis zum 31. Dezember 2026 voraussichtlich 9.000 Euro umsetzt, liegt bei einem hochgerechneten Jahresumsatz von 18.000 Euro — die Kleinunternehmerregelung greift.
EU-Reform ab 2025
Seit dem 1. Januar 2025 gilt die EU-weite Kleinunternehmerregelung (Richtlinie (EU) 2020/285). Damit können Kleinunternehmer unter bestimmten Voraussetzungen auch in anderen EU-Mitgliedstaaten von der Steuerbefreiung profitieren. Die EU-weite Umsatzgrenze liegt bei 100.000 Euro Gesamtumsatz in der gesamten EU. Die nationalen Grenzen (in Deutschland: 22.000/50.000 Euro) gelten weiterhin für inländische Zwecke.
Wirkung der Regelung
Keine Umsatzsteuer auf Ausgangsrechnungen
Der Kleinunternehmer darf keine Umsatzsteuer in seinen Rechnungen ausweisen. Die Rechnung enthält lediglich den Nettobetrag und den Hinweis auf die Anwendung der Kleinunternehmerregelung gemäß § 19 UStG.
Kein Vorsteuerabzug
Im Gegenzug ist der Kleinunternehmer nicht berechtigt, Vorsteuer aus Eingangsrechnungen abzuziehen. Die in Eingangsrechnungen enthaltene Umsatzsteuer wird zum Kostenfaktor.
Keine Umsatzsteuer-Voranmeldungen
Kleinunternehmer sind grundsätzlich von der Pflicht zur Abgabe von Umsatzsteuer-Voranmeldungen befreit. Eine Umsatzsteuerjahreserklärung muss dennoch abgegeben werden — sie ist jedoch vereinfacht, da die Besteuerungsgrundlagen auf die Prüfung der Umsatzgrenzen beschränkt sind.
Vorteile und Nachteile
Vorteile
Nachteile
Verzicht auf die Kleinunternehmerregelung (Option zur Regelbesteuerung)
Erklärung
Der Unternehmer kann gemäß § 19 Abs. 2 UStG auf die Anwendung der Kleinunternehmerregelung verzichten (Option zur Regelbesteuerung). In diesem Fall wird er wie jeder andere Unternehmer behandelt: Er weist Umsatzsteuer aus, führt sie ab und kann Vorsteuer abziehen.
Bindungsfrist
Der Verzicht auf die Kleinunternehmerregelung bindet den Unternehmer für mindestens fünf Kalenderjahre. Eine Rückkehr zur Kleinunternehmerregelung ist erst nach Ablauf dieser Frist möglich (sofern die Umsatzgrenzen dann wieder unterschritten werden).
Wann sich der Verzicht lohnt
Der Verzicht ist sinnvoll, wenn:
Pflichten bei der Rechnungsstellung
Pflichtangaben
Auch Kleinunternehmer müssen ordnungsgemäße Rechnungen ausstellen. Die Rechnung muss enthalten:
Wichtig: Kein Umsatzsteuerausweis
Weist ein Kleinunternehmer irrtümlich Umsatzsteuer in einer Rechnung aus, schuldet er die ausgewiesene Umsatzsteuer kraft Rechnungsausweis nach § 14c Abs. 2 UStG. Die Rechnung muss korrigiert werden, um die Steuerschuld zu beseitigen.
Überschreiten der Umsatzgrenzen
Während des laufenden Jahres
Wenn der Kleinunternehmer im laufenden Kalenderjahr die 50.000-Euro-Grenze überschreitet, entfällt die Kleinunternehmerregelung ab dem Zeitpunkt der Überschreitung. Ab diesem Zeitpunkt muss Umsatzsteuer auf alle Umsätze erhoben und abgeführt werden.
Rückwirkend für das Folgejahr
Wenn der Gesamtumsatz eines Jahres die 22.000-Euro-Grenze überschreitet, kann die Kleinunternehmerregelung im Folgejahr nicht mehr angewendet werden — unabhängig davon, ob der voraussichtliche Umsatz im Folgejahr unter 50.000 Euro liegt.
Konsequenzen
Der Unternehmer muss:
Kleinunternehmerregelung und Gewerbesteuer
Die Kleinunternehmerregelung betrifft ausschließlich die Umsatzsteuer. Sie hat keine Auswirkung auf die Gewerbesteuer. Auch Kleinunternehmer mit gewerblichen Einkünften unterliegen der Gewerbesteuerpflicht, wobei der Freibetrag von 24.500 Euro (§ 11 Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 GewStG) die meisten Kleinunternehmer de facto von der Gewerbesteuer befreit.
Freiberufler und Kleinunternehmerregelung
Freiberufler (Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater, Architekten, Künstler, Journalisten usw.) können die Kleinunternehmerregelung in Anspruch nehmen, sofern sie die Umsatzgrenzen einhalten. Besonderheit: Einige freiberufliche Leistungen sind bereits umsatzsteuerbefreit (z. B. ärztliche Heilbehandlungen nach § 4 Nr. 14 UStG), sodass die Kleinunternehmerregelung für diese Umsätze keine zusätzliche Bedeutung hat.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich als Kleinunternehmer eine USt-IdNr. beantragen? Eine USt-IdNr. ist für rein inländische Leistungen nicht zwingend erforderlich. Wer jedoch innergemeinschaftliche Erwerbe tätigt oder Leistungen an Unternehmer in anderen EU-Staaten erbringt, benötigt eine USt-IdNr. — auch als Kleinunternehmer.
Was passiert, wenn ich als Kleinunternehmer versehentlich Umsatzsteuer in der Rechnung ausweise? Sie schulden die ausgewiesene Umsatzsteuer nach § 14c Abs. 2 UStG. Sie müssen die Rechnung berichtigen und die Differenz an das Finanzamt abführen, bis die Berichtigung wirksam wird.
Kann ich die Kleinunternehmerregelung rückwirkend beantragen? Nein. Die Kleinunternehmerregelung wird bei der erstmaligen steuerlichen Erfassung (Fragebogen zur steuerlichen Erfassung) oder zu Beginn eines Kalenderjahres gewählt.
Gilt die Kleinunternehmerregelung auch für Vermieter? Grundsätzlich ja, wenn die Vermietungsumsätze die Grenzen nicht überschreiten. Allerdings sind Wohnraumvermietungen ohnehin umsatzsteuerfrei (§ 4 Nr. 12 UStG), sodass die Regelung hier kaum praktische Bedeutung hat. Bei der umsatzsteuerpflichtigen Vermietung von Gewerbeflächen (mit Option nach § 9 UStG) kann die Kleinunternehmerregelung dagegen relevant werden.